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Winterschlaf mit Rumi

 

Ich bin wütend. Gefrustet. Bitter. Kraftlos. Ich habe keine Lust mehr zu kämpfen, möchte mich zurückziehen und in den Winterschlaf gehen.

Warum?

Weil mich das Schreiben der Nachttanz-Trilogie mehr kostest, als ich zz. bereit bin zu geben: Unendlich viel Zeit, Kraft, Einsatz, Beständigkeit, Mut, Sichtbarkeit, permanentes Neu- und Umlernen, Schmerz, die intensive Auseinandersetzung mit meinen eigenen Schatten, das Trial & Error des Selfpublishing, belächelt und mit (verbalem) Dreck beworfen zu werden; Feindseligkeit ebenso aushalten zu lernen wie das Verlassenwerden.

Ich kann mich nicht daran erinnern, beim Verfassen von Texten jemals wirklich in (m)einem „Flow“ gewesen zu sein. Die Worte purzeln nicht einfach so aus mir heraus wie dies bei vielen anderen Autoren der Fall zu sein scheint. Ein Buch zu schreiben, bedeutet für mich Anstrengung, Fokus, Arbeit und dutzende (manchmal hunderte) an Korrekturdurchgängen.

Meine Lieblings-Human-Design-Expertin hat das Schreiben von „Nachttanz“ einmal als meine No-Choice-Aufgabe beschrieben.

Das ist sicherlich richtig, denn die Bilder und Szenen meiner Trilogie begleiteten mich schon als Jugendliche. Auch jetzt, während ich an der Entstehung des zweiten Bandes arbeite, gibt es so viel, das aus mir heraus und in Worte gefasst werden möchte ... und gleichzeitig spüre ich großen inneren Widerstand, denn ich frage mich, warum ausgerechnet ich meine Komfortzone immer wieder verlassen soll, wenn doch meine Stimme ohnehin nicht gehört wird?

Der Blick in die (sozialen und konventionellen) Medien zeigt überdeutlich, dass die Mehrheit der Menschen unfähig ist, Dinge nuanciert zu betrachten.

Die Leute toben und canceln online und offline, ohne sich die Mühe zu machen, aufmerksam und herzoffen zu lesen, zuzuhören oder im Falle historischer und aktueller Konflikte, ALLE Positionen sorgfältig unter die Lupe zu nehmen.

Sehr selten gibt es ausgewogene Beiträge, die den Terror auf allen Seiten ebenso anprangern wie über die berechtigten Interessen aller Konfliktbeteiligten berichten.

Weiß noch jemand da draußen, was es bedeutet, über den Tellerrand zu blicken?

Unabhängig von ihrem ethnischen und sozialen Hintergrund scheint die Mehrheit der Welt in ihren Echokammern festzustecken. Selbst jene, die 500 Jahre lang Opfer brutaler europäischer Kolonialpolitik waren … (Diese Erkenntnis hat mich in den letzten Monaten am meisten geschmerzt!)

Jedes Wort, das keine Bekräftigung der eigenen Position ist, wird ignoriert, die Menschen hinter divergierenden Positionen niedergeschrien, an den Pranger gestellt, beschämt, oder es wird zu einer unnachgiebigen Hexenjagd gegen sie aufgerufen.  

Die alten, großen Lehrer dieser Welt wussten, dass der einzige Weg in eine bessere Welt die LIEBE ist.

So auch der 1207 geborene persische Dichter und Sufi-Mystiker Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī.

In einem Gespräch zwischen Zayla, meiner Nachttanz-Protagonistin, einer Britin mit persischer Ahnenreihe, und ihrem Freund Travis, einem Australier mit britischen und Aboriginal Wurzeln, finden auch die Worte Rumis Eingang, an die ich mich an Tagen wie heute immer wieder selbst erinnern darf:

 

"[...] Du meinst, der einzige Weg nach vorne sei durch Vergebung und Akzeptanz? Hm, ein sicherlich vielversprechender Weg, wenn man ihn denn gehen kann. Aber wie viele Opfer von Mord, Völkermord, Folter oder Vergewaltigung können ihn tatsächlich einschlagen? Du sagtest selbst, er verlangt nahezu Übermenschliches.“

Zayla dachte an die vielen leidvollen Szenen ihrer Rückführungen in vergangene Leben und an ihren Klartraum am Mount Rushmore zurück. Travis hatte sicher Recht, und dennoch: „Rūmī hat gelehrt, dass die Harmonie mit sich selbst und dem Universum nur zu erreichen sei, wenn wir lernen, die Quelle, die universelle Kraft, alles, was ist, zu lieben und damit auch alles zu lieben, was erschaffen wurde – selbst das, was wir verurteilen oder als widerwärtig und abstoßend bewerten. Es ist ein sehr steiniger Weg, aber ich bin überzeugt davon, dass er die einzige Marschrichtung ist, die die Menschheit wirklich weiter bringen kann. [...]"

 

 

© Kory Wynykom

(Ausschnitt aus Kapitel 6 von Nachttanz: Schattenwelten)

 

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