Ein Satz, der nichts erklärt
„Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Es ist ein Satz, der sich nicht leicht einordnen lässt, weil er weder erklärt noch rechtfertigt und auch keinen Ausweg anbietet, sondern mitten in einer Situation steht, die in ihrer Brutalität
kaum zu relativieren und gerade deshalb so schwer auszuhalten ist. Er wirkt bis heute nach, weil er etwas benennt, ohne es aufzulösen, und weil er eine Haltung zeigt, die sich nicht aus der
Situation ergibt, sondern ihr widerspricht.
Was tatsächlich geschieht
Karfreitag erinnert an die Kreuzigung von Jesus Christus und gehört zu den zentralen Momenten der christlichen Tradition. Ein Mensch wird öffentlich gedemütigt, gefoltert und schließlich
hingerichtet, nicht im Verborgenen, sondern vor den Augen anderer, eingebettet in ein Machtgefüge, das genau durch diese Sichtbarkeit seine Wirkung entfaltet. Es ist eine Form von Gewalt, die
nicht nur zerstört, sondern auch demonstriert, wer entscheidet, wer spricht, wer bleibt und wer verschwindet.
Ein Mensch - und für viele weit mehr
Und doch reicht es nicht aus, hier nur von einem Menschen zu sprechen, denn für viele war er genau das nicht: nicht einfach ein Einzelner unter vielen, sondern jemand, auf den sich Hoffnung
gerichtet hatte, Erwartung, die Vorstellung, dass sich durch ihn etwas grundlegend verändern könnte. Gerade deshalb liegt in diesem Moment mehr als nur das Ende eines Lebens, denn sichtbar
scheitert (vermeintlich!) nicht nur eine Person, sondern auch das, was mit ihr verbunden war: die Idee, dass Wahrheit sich durchsetzt, dass das Richtige Bestand hat, dass es eine Form von Ordnung
gibt, die über das hinausgeht, was gerade geschieht.
Wenn nichts davon eintritt
An dieser Stelle entsteht etwas, das sich nicht einfach auflösen lässt, weil es zwei Möglichkeiten gibt, die beide unbequem sind und sich gegenseitig nicht beruhigen:
Entweder war Jesus doch nur ein Mensch, einer von vielen, auf den zu viel projiziert wurde, dann bricht in diesem Moment nicht nur sein Leben, sondern auch die Hoffnung, die sich an ihn gebunden
hatte, und es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass das, woran geglaubt wurde, dieser Realität nicht standgehalten hat.
Oder aber er war tatsächlich mehr als das, mehr als ein Mensch im engeren Sinn, Träger von etwas, das über ihn hinausweist … und dann bedeutet dieser grausame Ausgang am Kreuz, dass auch dieses
„Mehr“ ihn nicht davor bewahrt, öffentlich gedemütigt, gefoltert und getötet zu werden, dass selbst das, was als wahr oder göttlich gedacht wird, nicht außerhalb unserer 3-D-Wirklichkeit steht,
sondern ihr vollständig ausgesetzt ist.
Beides lässt sich nicht leicht zusammenbringen. Hier entfaltet die Kreuzigung Jesu ihre eigentliche Schwere, weil sie sich weder als einfache Enttäuschung noch als verborgener Sieg lesen lässt,
sondern als ein Moment, der offen bleibt und alles andere als beruhigt.
Denn die Demütigung, die Folter, die Hinrichtung lässt sich nicht korrigieren, nicht zurückdrehen, nicht im Nachhinein so erklären, dass es sich wieder stimmig anfühlt.
Hier unterscheidet sich dieser herzergreifende Moment von vielem, was wir Menschen sonst erleben, weil er sich den üblichen Bewegungen entzieht, mit denen wir versuchen, Sinn herzustellen oder
zumindest eine Richtung zu erkennen.
Ein Moment ohne Ausblick
Aus der Perspektive von Karfreitag gibt es kein Ostern, keine Auferstehung, keinen Moment, in dem sich das Blatt wendet, sondern nur diesen einen Punkt, an dem etwas endet und nicht absehbar ist,
ob und wie es weitergeht.
Nicht, weil es Ostern nicht geben wird, sondern weil an Karfreitag noch niemand – zumindest kein Mensch - wissen kann, was kommt; weil alles, was sichtbar ist, in eine andere Richtung weist und nichts darauf hindeutet, dass sich daran noch etwas grundlegend verändern könnte.
Der Zwischenzustand
Was diesen Moment so schwer auszuhalten macht, ist nicht nur das, was passiert ist, sondern vor allem das, was danach nicht passiert.
Es gibt keinen unmittelbaren Übergang und keine erkennbare Bewegung nach vorne, keinen nächsten Schritt, der sich logisch ergibt, sondern eher eine Art Stillstand, in dem alles, was zuvor
Orientierung gegeben hat, seine Verlässlichkeit verliert, ohne dass bereits etwas Neues an seine Stelle tritt.
Das kann man abstrakt beschreiben, aber eigentlich ist es eine sehr konkrete Erfahrung: der Punkt, an dem die gewohnten Strategien nicht mehr greifen, an dem der Mensch nicht mehr durch Denken,
Planen oder Handeln zu einer Lösung kommt, weil das Problem selbst sich nicht in dieser Weise bearbeiten lässt.
Zum Beispiel dann, wenn eine Beziehung endet und man zunächst nicht weiterkommt, nicht weil es nichts zu tun gäbe, sondern weil nichts von dem, was man tut, die Situation wirklich verändert, weil
das, was war, nicht zurückkommt und das, was sein könnte, noch keine Form hat.
Oder wenn eine Diagnose im Raum steht, die sich nicht relativieren lässt, bei der es kein Zurück mehr gibt, und man mit einer Realität konfrontiert ist, die sich weder wegdenken noch sofort
bewältigen lässt, sondern erst einmal einfach da ist.
Gerade darin liegt dieser Kontrollverlust, der weniger spektakulär ist, als man vielleicht erwartet, weil er sich nicht unbedingt als dramatischer Zusammenbruch zeigt, sondern oft als leiser,
aber nachhaltiger Entzug von Sicherheit.
Man sucht nach einer Lösung, nach einem nächsten Schritt, nach etwas, das wieder Richtung gibt, und findet stattdessen eine Leere, die sich nicht sofort füllen lässt, eine Spannung, die bleibt,
und eine Situation, die sich weder beschleunigen noch verkürzen lässt.
In diesem Sinn ist Karfreitag nicht nur ein historisches Ereignis, sondern auch eine Beschreibung genau dieses Zustands.
Eine Haltung, die sich nicht aus der Situation ergibt
In diesem Moment fällt dieser Satz:
„Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Er wirkt nicht wie eine Antwort auf das Geschehen, sondern wie etwas, das quer dazu steht, weil er keine Gegenwehr formuliert, keinen Versuch, das Geschehen aufzuhalten oder zu korrigieren,
sondern eine Haltung sichtbar macht, die sich nicht aus der Situation ergibt.
Gerade das macht ihn so schwer verständlich, denn er setzt nicht dort an, wo man es erwarten würde. Er benennt etwas Unangenehmes: dass Menschen handeln können, mit realen, oft zerstörerischen
Konsequenzen, ohne die Tragweite ihres Tuns wirklich zu erfassen.
Was sich wiederholt
Was an diesem Satz auffällt, ist, dass er sich nicht auf diesen Moment beschränken lässt, weil er etwas beschreibt, das sich auch außerhalb dieser Geschichte beobachten lässt.
Denn wenn man sich anschaut, wie – damals wie heute – Entscheidungen getroffen werden, wie Macht ausgeübt wird und wie Konflikte entstehen und eskalieren, dann zeigt sich immer wieder ein
ähnliches Muster: Menschen handeln, oft mit großer Entschlossenheit und aus einer inneren Überzeugung heraus, die für sie selbst sogar schlüssig sein mag, und setzen damit Prozesse in Gang, deren
Konsequenzen weit über das hinausgehen, was sie selbst überblicken.
Das lässt sich auf vielen Ebenen beobachten, aber besonders deutlich wird es dort, wo die Auswirkungen schon lange nicht mehr überschaubar sind, wo politische Entscheidungen ganze Regionen
destabilisieren, wo wirtschaftliche Interessen über langfristige Folgen gestellt werden oder wo technologische Entwicklungen schneller vorangetrieben werden, als man ihre Konsequenzen wirklich
versteht.
Dabei entsteht nicht immer der Eindruck bewusster Zerstörung, sondern häufig etwas anderes: eine Mischung aus begrenztem Denken, kurzfristigen Interessen und dem Willen, Einfluss zu sichern oder
auszubauen, ohne sich den eigenen Grenzen wirklich zu stellen.
Es gibt viele Entscheidungen, die nicht aus Klarheit getroffen werden, sondern aus Druck, aus dem Bedürfnis, Kontrolle zu behalten, aus dem Glauben, die Dinge im Griff zu haben, obwohl die
Zusammenhänge längst zu komplex geworden sind, um sie vollständig zu überblicken.
Und es gibt Situationen, in denen Macht nicht zu mehr Reflexion führt, sondern im Gegenteil die eigene Sichtweise verstärkt und verengt, weil sie nicht mehr ernsthaft infrage gestellt werden
muss.
Das wirkt dann nicht nur wie Fehlentscheidung, sondern wie eine Form von Blindheit, die gerade deshalb so folgenreich ist, weil sie sich ihrer selbst nicht bewusst ist.
„Sie wissen nicht, was sie tun.“
Das ist kein Freispruch und auch keine Entschuldigung, sondern eine Beschreibung dieser Begrenzung.
Was darin liegt
Wenn man Karfreitag nur als historisches Ereignis liest, bleibt er schwer verständlich, weil das, was dort geschieht, weder in die Logik von Erfolg noch in die von Entwicklung passt.
Was sich hier zeigt, ist kein Aufstieg, sondern ein Abstieg, ein Punkt, an dem Kontrolle nicht mehr greift und an dem sich nichts mehr beschleunigen lässt, weil alles, was vorher getragen hat,
seine Gültigkeit verliert, ohne dass bereits etwas Neues an seine Stelle tritt.
In vielen spirituellen Traditionen wird dieser Moment oft auch als Dark Night of the Soul beschrieben, als eine Phase tiefer innerer Transformation, in der sich alles entzieht, was zuvor
Orientierung gegeben hat.
Hingabe bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass nichts geschieht, sondern dass etwas nicht mehr aus Kontrolle heraus erzwungen wird.
In Nachttanz taucht diese Bewegung immer wieder auf: Momente, in denen etwas zerbricht und erst in der Leere Raum für etwas Neues entsteht.
Was bleibt
Das ist es, was von Karfreitag bleibt, wenn man ihn nicht sofort mit dem überdeckt, was danach kommt: ein Moment, der sich nicht auflösen lässt.
Ein Moment, in dem etwas zu Ende gegangen ist und in dem alles, was folgt, noch im Ungewissen liegt.
„Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Vergebung bedeutet nicht, zu vergessen, was passiert ist, sondern sich selbst aus der Bindung an das Geschehen zu lösen.
Sie ist kein schneller Schritt, sondern ein Prozess, der Zeit braucht.
In Nachttanz ist sie kein einfacher Ausweg, sondern ein möglicher Weg nach vorne.
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